Donnerstag, 20. Juli 2017

Auf gute Nachbarschaft

Vor einigen Wochen hing ein Zettel am schwarzen Brett im Hausflur. Überschrift war "Fernseher", und im Text wurde die Person, die offenbar ihr altes Fernsehgerät im Keller unter der Treppe "entsorgt" hatte, aufgefordert, ihn von dort weg zu schaffen. Unser Hausmeister hatte sogar die Telefonnummer der Müllentsorgung und die Öffnungszeiten des Recyclingcenters hinzugefügt.

Nun geht es in unserem Haus meist ganz zivilisiert zu. Es besteht aus lauter Eigentumswohnungen, und in geschätzt einem Drittel dieser Wohnungen leben noch die Ureinwohner, hätte ich beinah gesagt - nee, hab' ich jetzt halt mal gesagt. Gemeint sind die Erstbezieher, die inzwischen alt gewordenen Menschen, die sich Wohnungen gekauft haben, als das Haus Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gebaut wurde.

Ich bin Mieterin und damit, nach Meinung einiger Ureinwohner, von vornherein Bewohner zweiter Klasse. Dennoch, die meisten Nachbarn sind freundliche und hilfsbereite Menschen, und so ein Haus hat den Vorteil, dass man sich nie mit einer desinteressierten Verwaltung herumschlagen muss, dass man gegenseitig Pakete in Empfang nimmt, dass man im Waschkeller ein Schwätzchen  hält - dass man sich umeinander kümmert.

Im letzten Sommer habe ich zum Beispiel dreimal in einer Nacht eine verwirrte Nachbarin zurück in ihre Wohnung begleitet, nachdem sie - komplett angezogen, wie sich das für eine alte Dame gehört - immer wieder bei mir geklingelt hatte in der Überzeugung, ich sei Ihre Ärztin, und sie habe doch jetzt einen Termin.

Ein paar Wochen später ging es einem anderen alten Herrn schlecht, und ich rief den Notarzt und wartete mit dem Nachbarn, bis dieser eingetroffen war.

So war das in unserem Haus. 

Manchmal war es aber auch so:

Eine der Ureinwohnerinnen ist etwas seltsam drauf und hat mich zum Beispiel einmal darauf aufmerksam gemacht, dass meine (frisch gewaschene) Wäsche stinke. Sie meine es nur gut. Ich sagte, dass ich die Vorstellung seltsam finde, wie sie an meiner Wäsche schnuppert, weiter habe ich nichts kommentiert, denn diese Dame ist eben .... seltsam. Wenn ich in den Fahrstuhl einsteige und  sie ist schon drin, sieht sie immer dermaßen verblüfft aus, dass außer ihr noch jemand im Haus wohnt....nun ja. Und eine Zeit lang hielt sie sich die Nase zu, wenn ich mit ihr im Aufzug war. Soweit mir bekannt, rieche ich ganz OK. Ich dusche auch regelmäßig und bin dem Benutzen von Parfum nicht abgeneigt. 

Der bisherige Höhepunkt war, dass sie mich bat, meine Wäsche noch ein paar Tage in der Maschine zu lassen, da sie jetzt in diesem  Moment unbedingt waschen und IHRE Wäsche aufhängen wolle. Das habe ich verweigert, und seitdem darf ich sie nicht mehr grüßen. Ihr Mann hat es mir verboten. Wenn ich's recht bedenke, sollte ich diesen Moment vielleicht eher Tiefpunkt nennen. 

Man könnte also sagen, dass einige Nachbarn nicht gerade die schärfsten Messer in der Schublade sind. Und ich bei denen einen ganz schlechten Ruf habe.

Nun hat so eine Art Generationswechsel stattgefunden, und die neu Hinzu-gezogenen sind - soweit ich das bisher mitbekommen habe - nette junge Leute, die hier ein bisschen mehr Leben in die Bude bringen. 

Keine Ahnung, wer nun diesen vermaledeiten Fernseher abgestellt hat.

Nachdem der Zettel einige Zeit dort hing, aber scheinbar ohne Effekt, tauchte eine Liste auf. Darauf die Namen aller Bewohner, und die Überschrift lautete sinngemäß: Hiermit versichere ich, dass mir der Fernseher, der im Keller abgestellt war, nicht gehört. 

Ich fühlte mich weder von dem ersten noch von dem zweiten Zettel angesprochen. Beim zweiten allerdings beschlich mich ein Unbehagen. Ich hoffte wider besseres Wissen, dass niemand oder nur wenige unterschreiben würden. Aber nach ein paar Tagen hatten alle wie die braven Schäfchen ihre Unterschrift auf die Linie neben ihrem Namen gesetzt. Alle außer mir.

Einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich um des lieben Friedens Willen doch unterschreiben solle, aber das bereitete mir fast schon Übelkeit. Also nicht.

Verrückterweise hatte ich ein bisschen  Angst, was mir als Strafe blühen würde. 

Gefragt hat mich niemand. Ich bin sicher, dass "man" nun annimmt, dass ich das gewesen sein muss mit dem Fernseher. Was aber nur bedeutet, dass im Bereich logisches Denken dort noch viel Luft nach oben ist.

Als ich gestern nach Hause kam, leuchtete mir mein Name in Pink entgegen; den hatte jemand mit Textmarker verziert.

Ich bin etwas nervös.