Sonntag, 12. April 2015

End in Tears

Heute geht sie mal alleine los. Sie geht in Bars und Clubs  wie in Selbstbedienungsläden und sucht sich einen  aus - schön muss er sein und wenn möglich ein bisschen unverschämt. Sie wirft ein paar Blicke und lässt sich einladen und mitnehmen. Zu ihm, meistens. So kann sie augenzwinkernd sagen, sie habe ja nichts gemacht. Auch zu sich selbst, falls ihr später Bedenken kommen. Ab und zu melden die sich, aber sie stellt sich taub.

Einmal saß sie mit ihrem Date im hell erleuchteten Wohnzimmer. Diesmal bei ihr zu Hause. Auf der Fahrt ins Kino hatte er ihr gestanden, dass er sich den schicken Oldtimer bei einem Freund ausgeliehen hatte, um sie zu beeindrucken. Er sang mit Frank Sinatra "In the wee small hours", und nicht mal schlecht. Das gefiel ihr. Sie wusste nicht, ob sie ihn mochte - die Frage stellte sich nicht - aber er war charmant und Schauspieler. Danach waren sie zu ihr gefahren, und nun fragte sie sich, wie sie - jeder in seinem Sessel und mit einem Tischchen dazwischen - denn nun von A nach B kommen sollten. Außerdem hatte sie viel zu spät gemerkt, dass das Licht so grell war. Aber der Mann  war einfallsreich, und der Abend endete wie vorgesehen. Genau wie die vielen anderen.

Sie ist wie eine dieser russischen Puppen, hübsch und bunt und hohl, wo immer noch eine kleinere zum Vorschein kommt, bis zuletzt ein ganz winziges Wesen ausgepackt wird. Das Kleine ist  gut versteckt und geschützt unter den vielen Schalen.

Selten wagt sich einer zu ihr vor, der nicht so überwältigend gut aussieht, sondern annehmbar und einfach - nun ja - freundlich. Mit so einem redet sie in leicht amüsiertem Ton, wie mit einem vorwitzigen Höfling. Bis er begreift und sich wieder auf seinen Platz zurückzieht.

Mit dem heutigen Fang sitzt sie in der warmen Nacht auf einer Dachterrasse. Er erzählt von Mitbewohner und Studium. Sie lässt sein Plaudern so an sich heran plätschern und ist vom Wein längst angenehm weit weg. Später sieht sie verschwommen ein Gesicht ganz dicht über sich und denkt "Ach, heute ein Blonder...ist doch eigentlich nicht mein Typ." Ihr gehen ein paar müde Überlegungen über Heimkommen oder hier übernachten durch den benebelten Kopf. Am nächsten Morgen wird sie freundlich geweckt  mit dem Hinweis auf Frühstück. Das ist eine nette Überraschung und nicht die Regel. Sie geht hinunter in die Wohnküche, und herein kommt der Mitbewohner. Den sie wieder erkennt. Von einer anderen Nacht. Sie möchte gern sofort verschwinden, trinkt aber einen Kaffee und ist dankbar für das Ausbleiben von neckischen Kommentaren. Er lächelt nur und begrüßt sie freundlich. Der Blonde ist sichtlich stolz und ein bisschen verlegen. Sie ist froh, als er sie endlich nach Hause fährt.  

Sie nimmt sich vor, dass damit Schluss sein soll.

Am nächsten Tag wird sie zu einer Party eingeladen. Sie macht sich schön.