Samstag, 8. Februar 2014

In memoriam

Der Anruf kommt kurz nach zehn an einem Samstagabend - ich sitze gerade mit einem Glas Wein vor irgendeinem TV-Krimi. Mein Vater sagt in demselben abrupten Tonfall, in dem er mir vor ein paar Jahren den Tod meiner Mutter mitgeteilt hat: "Die Ute ist im Krankenhaus auf der Intensivstation - ich mach mich jetzt auf den Weg." Ich begreife nicht gleich und bitte ihn, mich doch morgen anzurufen und zu erzählen, was es Neues gibt. Ich lege den Hörer auf. Eine Art Alarm fährt plötzlich durch meinen ganzen Körper. Mit flattrigen Händen suche ich die Nummer der Klinik heraus und lasse mich mit der Intensivstation verbinden. Diesmal fragt niemand, ob ich denn wirklich eine Verwandte sei und das Recht auf Auskunft habe. Eine nüchterne, nicht unfreundliche Stimme sagt: "Ja, Ihre Schwester wurde als Notfall eingeliefert. Sie liegt im Koma und wird wohl die Nacht nicht überleben."

Ich greife meinen Mantel, stopfe Zigaretten, Geld und Schlüsselbund in die Handtasche und eile aus dem Haus. Ich renne den ganzen Weg zur Bahn. Mit U- und S-Bahn brauche ich mindestens eine Stunde bis zu ihr. In der U-Bahn sind kleine Gruppen von Leuten unterwegs ins Nachtleben, während ich mit versteinertem Gesicht da sitze und unglaublich empört bin, dass alle einfach so weitermachen, wo doch meine Schwester stirbt.

Im S-Bahnhof angekommen merke ich verzweifelt, dass ich gerade den Bus verpasst habe. Während es in meinem Kopf hämmert "Ich komm' zu spät - ich komm' zu spät - zu spät - zu spät", reiße ich die Beifahrertür des nächsten Taxis auf und rufe: "Krankenhaus, Notaufnahme!". Es sind nur ein paar Minuten, und der Fahrer fährt am Haupteingang vorbei. Er weiß genau, wo er hin muss, aber ich fange fast einen Streit an, weil ich glaube, dass er falsch fährt und ich wertvolle Zeit verliere. Ich werfe ihm einen Geldschein hin und laufe durch Dunkelheit und Regen auf den Eingang zu. Beinahe pralle ich zurück vor dem plötzlichen kalten Neonlicht. Ich finde den Aufzug und drücke den Knopf für die Station. Der Aufzug fährt langsam, als wolle er mich verspotten. Andere steigen zu und wieder aus. Ich hasse sie aus tiefstem Herzen, weil sie mich aufhalten. 

Die Tür zur Station ist verschlossen. Ich klingele und warte. Inzwischen bin ich völlig außer mir, und dabei habe ich hysterische Frauen immer verachtet. Aus einer anderen Tür kommt ein Arzt und fragt, ob er mir helfen könne. "Meine Schwester liegt im Sterben, und niemand macht mir auf", schluchze ich. Er benutzt kurz sein Handy, und nach einer Minute öffnet sich die Tür. Eine Schwester fragt, wer ich bin und führt mich in das Zimmer. Es liegt im Halbdunkel. Mein Blick erfasst das Bett, auf einem Stuhl etwas entfernt an der einen Wand sitzt still mein Vater, und mein Schwager am gegenüberliegenden Bettrand auf dem zweiten Stuhl. Die Schwester holt für mich einen weiteren Stuhl, und ich setze mich meinem Schwager gegenüber. Seit Betreten des Zimmers bin ich völlig ruhig. 

Ich nehme die Hand meiner Schwester und rede, was mir gerade so einfällt. Ich erzähle ihr, dass die Quälerei jetzt vorbei ist und sie gehen kann, dass unsere Mutter auf sie wartet und die Oma, die sie so vermisst hat, dass sie auf uns keine Rücksicht nehmen muss - wir kommen schon klar. Dass wir uns wiedersehen, dass ich sie liebhabe, und was man alles sagt in so einem Moment. Ich wusste vorher nicht, dass es so sein wird. Ich wundere mich, was alles aus mir herausströmt. Nichts habe ich mir vorher überlegt. Es passiert einfach. 

Irgendwann nehme ich die Umgebung wahr. Die Maschine zeichnet nur noch die immer schwacher werdenden "Vitalfunktionen" - so nennt man das wohl - meiner Schwester auf. Ich finde es verrückt, dass ich sogar jetzt auf die richtige Bezeichnung aller Dinge achte. Die Herzschläge kommen unregelmäßig und setzen immer wieder für eine kleine Ewigkeit aus. Der Atem geht schwer, und auch hier gibt es sekundenlange Pausen. Es wäre schön, wenn ich jetzt einfach verrückt werden könnte, aber das geht nicht. Ich muss meine kleine Schwester verabschieden und stark sein. 

Nach einiger Zeit deutet mein Vater etwas ängstlich an, dass er jetzt nach Hause gehen möchte. Ich bin schockiert und schäme mich für ihn, weil er nicht einmal dies hier hinkriegt. Aber ich sage: "Ja, geh' ruhig. Du musst Dich ausruhen. Ich komme nach, wenn alles..." und dann weiß ich nicht, wie der Satz weitergehen soll. 

Mein Schwager will meinen Vater nach Hause fahren, aber er lehnt ab - er meint, der Spaziergang werde ihm gut tun. Wir bleiben ohne ihn zurück. Seit ein paar Stunden bin ich nun hier in dieser halbdunklen Welt mit seltsam fremden Geräuschen und Gebräuchen. Ich nehme mir eine Pause. Ich fahre mit dem Aufzug runter und stelle mich mit einer Zigarette vor die Tür. Außer einer Art Betäubung fühle ich nichts. Ich überlege, was ich fühlen müsste. Rauche hastig, und es treibt mich dann schnell wieder hinein.

Ich setze mich auf den Bettrand und streichele meiner Schwester die Wangen und über die Glatze. Seit der letzten Chemotherapie sieht sie aus wie ein kleiner Buddha, weil ihr ganzer Kopf angeschwollen ist. Sie sieht sich kaum noch ähnlich. Ich fange wieder mit meinem Singsang an und frage mich, ob ich das für sie oder für mich mache. Mein Blick geht immer wieder zum Schirm mit den farbigen Kurven. Die Nachtschwester, die ab und zu nach uns schaut, legt mir sanft die Hand auf die Schulter und sagt leise: "Sehen Sie da nicht hin"; dabei dreht sie den Bildschirm zur Wand. Ein gleichmütiger Teil in meinem Inneren registriert, wie freundlich hier alle zu uns sind. Auch das hatte ich mir nicht vorgestellt. Ich hatte mir gar nichts vorgestellt, im Gegenteil, ich wollte mich mit diesem unausweichlichen Moment einfach nicht beschäftigen in den drei Jahren nach der Diagnose. 

Ich weiß noch, wie ich nach dem ersten Googeln der Stichworte ganz naiv dachte: "Kleinzellig - also klein ist jedenfalls besser als groß. Das ist doch bestimmt was Gutes." Damals wusste ich absolut nichts. Aber das sollte sich bald ändern. 

Ich kehre in das Zimmer zurück. Die Atemzüge klingen jetzt, als ob ein sehr erschöpftes Wesen mit letzter Kraft versucht, doch noch irgendwie ans Ziel zu kommen. Aber was ist das Ziel? Es sollte doch leichter werden. Ich rede ihr weiter ruhig zu. So sitzen wir noch eine Weile.

Dann spüre und höre ich, dass es jetzt nicht mehr lange dauert. Ich habe schon mal über den letzten Atemzug gelesen, natürlich habe ich das. Und ich habe Sterbeszenen in Filmen gesehen, die mich zu Tränen gerührt haben. Das alles hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Kein Schauspieler kriegt dieses furchtbare Geräusch hin, kein Maskenbildner diese gelbe Hautfarbe. In einer Sekunde war meine Schwester noch hier - nun nicht mehr. Was da im Bett liegt, trägt keine Spur von ihr. 

Ich sitze noch eine Weile da, dann gehe ich in den Flur und sacke an der Wand zusammen. Und warte auf die Trauer oder wenigstens die Wut. Die Schwester bringt mir einen Becher mit Tee. 

Die Trauer kam erst sehr viel später. Noch lange habe ich meine Schwester ständig irgendwo gesehen. Noch lange wollte ich sie schnell mal anrufen oder dachte, ich müsse sie im Krankenhaus besuchen. Nicht mal die Beerdigung hat daran etwas geändert.

Ach, Schwesterchen - heute wäre Dein Geburtstag, und dass ich an Deinem Sterbebett saß, ist neun Jahre her. Manchmal denke ich gar nicht viel an Dich; manchmal erinnere ich mich mit einem Lächeln; oft erzähle ich Dir was Lustiges, und manchmal zerreißt es mir das Herz vor Vermissen. 

Und heute? Du bist so eine Art guter Geist für mich geworden. Die Trauer hat sich zu der Traurigkeit gesellt, die mich seit jeher begleitet. Die beiden vertragen sich gut, und ich freunde mich langsam mit ihnen an.